Alles, was eine Big Band braucht – FAZ

Artikel aus Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.05.2014

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ALLES, WAS EINE BIG BAND BRAUCHT

Von Ulrich Olshausen

FAZ_Mai2014

Kinder an die Partituren: Das Landesjugendjazzorchester Hessen konzertiert mit einem neuen Programm. Und hat jetzt sogar Vokalensembles.

In der stolzen Erfolgsgeschichte des Landesjugendjazzorchesters Hessen ist vor allem auf das Überleben in schwierigen Zeiten hinzuweisen, ermöglicht seit nun 29 Jahren durch seinen Gründer, den im klassischen Dirigierfach ausgebildeten und im Jazz von Tenorsaxophon und Flöte begeisterten Wolfgang Diefenbach. Das volkstümliche Naturell seiner Menschenführung, sein Perfektionsdrang, seine von Neugier, aber auch von pädagogischer Verpflichtung getriebene Repertoirepolitik und sein lässiges Organisationstalent haben die Band in der Spitze vergleichbarer europäischer Jugendorchester gehalten. Gefeierte Weltreisen, zum Beispiel nach Australien und China, Preise und Schallplatten pflasterten den Weg der sich zwangsläufig dauernd verändernden Band (Höchstalter 24). Finanziert wird sie vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst in Wiesbaden, einen sehr treuen Sponsor gibt es auch.

In den vergangenen Jahren hat Diefenbach sich zwei langgehegte Träume erfüllt. Der eine war vor fünf Jahren die Gründung eines noch jüngeren Ensembles, genannt “Junior Band”, altersmäßig nach unten unbegrenzt, nach oben vom natürlichen Abfluss in das eigentliche Landesjugendjazzorchester bestimmt, das in Freundeskreisen auch “Hessische Landjugend” genannt wird. Der andere, noch länger gereifte Traum war die Einrichtung eines Vokalensembles. Berge von Partituren der großen Vorbilder wie der New York Voices, Take Six, Manhattan Transfer oder der schwedischen Real Group hat Diefenbach in fast einem halben Jahrhundert im Keller angehäuft.

Sänger für diese höchst diffizilen Aufgaben aber gab und gibt es in Deutschland nicht viele, weshalb es lange gedauert hat, bis Diefenbach hier zu einem doppelten Ergebnis kam. Seit vier Jahren gibt es die ebenfalls zweigeteilten “Voices” und “Junior Voices”. Die New York Voices ließen sich während eines Gastspiels auf dem Rheingau Musik Festival von der Big Band begleiten, lernten dabei auch die “Voices” kennen und waren so begeistert, dass sie zum Spaß einzelne Sänger austauschten und ihre Partituren kostenlos zur Verfügung stellten.

Zweimal im Jahr versammelt sich das ganze Personal zehn Tage lang an einem schönen Ort mit den passenden Unterkünften und Proberäumen – nach 25 Jahren in Wetzlar war das nun schon zum vierten Mal die Landesmusikakademie Hessen in Schlitz. Geprobt und aufgeführt wird bei dieser Gelegenheit das Repertoire für die nächsten Monate. Helfen lässt sich Diefenbach in Lehrgängen und Einzelproben von einer bunten Prominentenschar, aus der der weltläufige amerikanische Big-Band-Routinier Michael Philip Mossman, der Holländer Jan Wessels etwa gleichen Formats und als bedeutende Instrumentalisten der amerikanische Posaunist Joe Gallardo, der holländische Trompeter Jan Oosthof und der deutsche Tenorsaxophonist Johannes Enders genannt seien. Im abschließenden Konzert dirigieren sie zum Teil eigene Kompositionen und Arrangements.

Der Auftritt der verschiedenen Ensembles wird zur imponierenden Leistungsschau. Das Programm orientiert sich an der großen Big-Band-Ära, von Count Basie über Woody Herman und Maria Schneider bis zu modernen Mainstream-Verwaltern wie Bill Holman und Bob Mintzer, wobei “groß” nicht unbedingt Menge, sondern eher die Akzeptanz durch ein internationales Publikum anzeigen soll. “You Don’t Know What Love Is”, “Li’l Darlin'”, “Satin Doll” und Charlie Parkers “Ornithology” sind einige der Themen, die die Junior Band mit Druck und Präzision spielt. Der Andrang der Spieler ist so groß, dass nach jedem Stück mehrere von ihnen ausgetauscht werden müssen, damit alle einmal drankommen. Die Improvisationen sind lustvoll engagiert, selbstverständlich in der Substanz noch nicht himmelstürmend.

Und dann kommt das hauptamtliche Landesjugendjazzorchester, auch “Kicks & Sticks” genannt, nach einem Stück von Frank Runhof, das das einzige im Repertoire befindliche ist, während die restlichen neun alle neu einstudiert worden sind. Feuer, Präzision, riesige dynamische Spannungen, voluminöse Klangschönheit – es ist alles da, auf höchstem professionellen Niveau, von den Big Bands der Rundfunkanstalten allenfalls Millimeter entfernt. Mit deren Weltstar-Solisten kann das Orchester natürlich nicht konkurrieren, aber von irgendwelcher liebhaberischen Steiffingrigkeit kann keine Rede sein. Der Schlagzeuger Dominik Raab und der Tenorsaxophonist Benedikt Koch könnten sehr wohl zu den 35 Prozent gehören, die normalerweise in das Profilager aufgenommen werden. Das Vokalensemble, genannt “Sticks & Kicks Voices”, glänzt mit sauberer Intonation, Klangschwelgerei, facettenreichem Programm und dem Luxus von zwei fast schon divenhaft herausragenden Solistinnen, Maren Kips und Jasmine Klewinghaus, die alles haben, was die Entertainmentwelt liebt: Souveränität, Ausstrahlung, Schauspiel – und einfach eine schöne Stimme.

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